Ästhetik und Ethik – Andrea Büttner im K21

Andrea Büttner
Foto: Julia Zimmermann
Andrea Büttner
Foto: Julia Zimmermann

Unterwegs mit der Art:card

In der Beletage des Düsseldorfer K21 hat Andrea Büttner drei Räume gestaltet. Die 1972 geborene Künstlerin, die in Berlin lebt und in Kassel an der Kunsthochschule lehrt, setzt sich mit Themen auseinander, die im öffentlichen Bewusstsein oftmals verdrängt werden. Es geht um Armut, Arbeit und Scham sowie das Beschämen und um die sie hervorrufenden ästhetischen und ethischen Wahrnehmungen. Mit der Art:card sind die Arbeiten der Konzeptkünstlerin bequem zu erkunden.

Malerei, Skulptur, Video, Foto, Holz- und Siebdruck sind die Medien Büttners. Die drei von ihr bespielten Räume im K21 beeindrucken, packen einen an mancher Stelle emotional und sind keineswegs trivial.

Gleich im ersten Raum machen zwei Fotos an der Stirnwand den konzeptionellen Zugriff der Künstlerin sinnfällig. Sie zeigen etwas, das man im Vorübergehen kaum wahrnimmt: von grauem Begrenzungsstein eingefasste und von Gras überwachsene Beete. Eigentlich nichts, was man fotografieren oder besonders beachten würde. Aufgenommen sind die Fotos auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau. Die SS experimentierte dort mit biologisch-dynamischem Landbau. Die Frage von Ökologie und Faschismus steht im Raum. SS-Leute züchteten Gladiolen, um aus ihren Zwiebeln ein „deutsches Vitamin C“ zu gewinnen. Wenn man das weiß, erkennt man, dass Schönheit und Schrecken manchmal sehr nahe beeinander liegen.

In einer Ecke sind Bilder von Bettlern und beigefügte Notizen zu sehen. Die Reproduktionen stammen aus dem Warburg-Institut und verzeichnen auf ihrer Rückseite Informationen zu Auktionen, in denen die Originalbilder angeboten wurden. Allein schon die Darstellung der Bettler in ihrer Armut (zum Beispiel Rembrandts Bettler-Radierung) im Kontrast zum Auktionsgeschehen sorgt für einen zu befragenden Kontrast. In unmittelbarer Nähe dazu hängt Büttners Holzschnitt-Serie verschleierter Bettler. Zu sehen sind die ausgestreckten Hände, zu erahnen sind die um Almosen Bittenden. Die Darstellung ist dicht, sie deutet mit Strichen an, die Bettler sind gesichtslos, schwarz verhüllt – die Geste des demütigen Bettlers quasi als Liniendiagramm.

Die Installation „Schamstrafen“ (2022/23) zeigt öffentliche Demütigungen von Menschen. Die Abbildungen, mit fluoriszierender Farbe an die Wand gebracht, stammen aus verschiedenen Jahrhunderten der Kunstgeschichte. Kreuzigungsszenen und auch deren Verhöhnung sind dabei, mittelalterliche Pranger, ein Kind trägt ein Schild vor sich her, das seine Schuld benennt. Das Thema öffentlicher Bloßstellung ist allemal aktuell: „Menschen stehen wieder am Pranger“, sagt Büttner mit Blick auf die heutige Gesellschaft.

Eine Diaprojektion zeigt Darstellungen von Tätigkeiten, die gesellschaftlich gering geschätzt werden. Szenen von Feld- und Hausarbeit, wie sie in historischen Kunstwerken dargestellt werden. Arbeit, die meist von Frauen ausgeführt wird. Büttners „Kunstgeschichte des Bückens“ setzt die Betrachterin und den Betrachter abermals auf die Spur. Armut, Arbeit, Scham lassen sich darstellen, in ihrer Wahrnehmung stellen sich ethische Fragen. Vorbedingung dieser Erkenntnis allerdings sind vorhandene Sensibilität und entsprechendes Vorwissen. Da ist das fakten- und bilderreiche Ausstellungsbuch hilfreich. Im Begleitprogramm sind außerdem Führungen und Kunstgespräche (zum Beispiel am 26.11. um 16 Uhr und am 17.1. mit der Künstlerin um 18 Uhr).

Andrea Büttner, No Fear, No Schame, No Confusion ist zu sehen bis zum 18.2.2024 im K21, Ständehausstraße 1, Düsseldorf.

Informationen auf www.kunstsammlung.de

Jetzt bestellen. Für unsere Mitglieder kostet die Art:card nur 85 Euro. Sie bietet Zugang zu fast 30 Museen und Ausstellungsräumen in Düsseldorf und Umgebung.

Andrea Büttner, Foto: Julia Zimmermann


Text Dr. Ulrich Erker-Sonnabend

Sonntag, 10.12.2023

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Letzte Aktualisierung: 20.02.2024 19:15 Uhr     © 2024 Theatergemeinde Düsseldorf | Grabenstraße 8 | 40213 Düsseldorf